INSIDER CASE STUDY: WARUM ABSCHALTEN EINEN HUMANOIDEN NICHT SICHER MACHT
Ein aktiv balancierter Roboter wird nicht dadurch sicher, dass man ihn abschaltet. Fällt die Regelung aus, verliert er das Gleichgewicht und stürzt. Genau darin liegt der Unterschied zu einem klassischen Industrieroboter: Bei einer Maschine, die fest am Boden verschraubt ist, ist der sichere Stopp in aller Regel auch der sichere Zustand. Bei einem Humanoiden oder einem anderen dynamisch stabilen Roboter gilt das nicht mehr. Safe Torque Off, die Standardantwort der industriellen Sicherheitstechnik, kann hier genau die Gefahr erzeugen, die sie verhindern soll.
Für diese Lücke entsteht derzeit eine eigene Norm. In der neuen Folge unserer Video-Serie "Insider Case Study" erklärt Dieter Volpert, Senior Functional Safety Engineer bei Synapticon, woran das Normungsgremium arbeitet und was Roboterhersteller schon heute tun können.
EINE NORM FÜR ROBOTER, DIE UMFALLEN KÖNNEN
Unter der Bezeichnung ISO 25785-1 entwickelt die Arbeitsgruppe ISO/TC 299/WG 12 eine Norm für dynamisch stabile industrielle mobile Roboter. Der Anwendungsbereich sind industrielle Umgebungen; Wohn- und Konsumentenumfelder bleiben ausdrücklich außen vor. Aufgebaut ist sie ähnlich wie ISO 10218: ein Teil für den Roboter selbst, ein zweiter für dessen Integration in die konkrete Anwendung.
Die schwierigste Frage dabei ist nicht, wie man den Roboter stoppt. Sie lautet, wie sich die Maschine im Fehlerfall verhalten soll, bei einem Ausfall der Energieversorgung oder beim Verlust der Stabilität. Denn die übliche Reaktion, alles abzuschalten, kann eine neue Gefährdung erzeugen statt eine bestehende zu beseitigen.
Deshalb nimmt die Risikobeurteilung in dieser Arbeit so viel Raum ein. Es braucht eine belastbare Methode, um zu bewerten, wie gefährlich ein konkreter Roboter überhaupt ist. Maßgeblich sind dabei Größen wie Gewicht, Geschwindigkeit und Lage des Schwerpunkts. Erst daraus lassen sich die Sicherheitsfunktionen ableiten, die ein System tatsächlich benötigt.
WO WIR DABEI SIND
Synapticon wirkt an dieser Normung mit. Dieter Volpert nimmt für uns an den Sitzungen der Arbeitsgruppe teil, zuletzt im September 2026 in Minneapolis.
Unseren technischen Beitrag zur Sicherheitsarchitektur liefern wir auf zwei Ebenen: POSITRON Safety AI stellt die Ebene des Sicherheitscontrollers bereit, und mit unserem Engineering unterstützen wir Kunden bei der Risikobeurteilung und beim Systementwurf, auf denen eine spätere Zertifizierung aufsetzen wird.
WARUM DAS JETZT SCHON ZÄHLT
Gegen eine unveröffentlichte Norm lässt sich nicht zertifizieren. Nach ihren Anforderungen konstruieren lässt sich sehr wohl. Das ist der entscheidende Punkt: Wer wartet, bis die Norm veröffentlicht ist, verliert Entwicklungszeit. Wer sein System heute schon entlang der Entwurfsanforderungen auslegt, ist an dem Tag bereit, an dem eine Zertifizierung möglich wird.
HÄUFIGE FRAGEN
Was regelt ISO 25785-1?
ISO 25785-1 ist eine in Entwicklung befindliche Norm für dynamisch stabile industrielle mobile Roboter, also Maschinen, die ihr Gleichgewicht aktiv halten müssen. Sie wird in der Arbeitsgruppe ISO/TC 299/WG 12 erarbeitet und ist ähnlich aufgebaut wie ISO 10218, mit einem Teil für den Roboter und einem für dessen Integration.
Warum reicht Safe Torque Off bei einem Humanoiden nicht aus?
Safe Torque Off nimmt den Antrieben das Drehmoment. Ein am Boden verschraubter Industrieroboter bleibt dann stehen. Ein aktiv balancierter Roboter verliert dadurch seine Stabilität und fällt. Die Sicherheitsfunktion kann so selbst zur Gefahrenquelle werden.
Was können Roboterhersteller tun, bevor die Norm veröffentlicht ist?
Zertifizieren lässt sich gegen einen unveröffentlichten Entwurf nicht, konstruieren schon. Wer die Risikobeurteilung und die Sicherheitsarchitektur heute an den Entwurfsanforderungen ausrichtet, kann zertifizieren, sobald es möglich wird, statt danach umzubauen.
Mehr zur Plattform: POSITRON Safety AI
